"Vieles war möglich"

Buchvorstellung „Richard Wagner in der DDR – Versuch einer Bilanz“

Nein, ein Tabu war Richard Wagner in der DDR nie gewesen. Auch wenn gerade nach dem Krieg sein Bild in einem anderen Licht hätte stehen können und die neue Obrigkeit durchaus ihre Bauchschmerzen mit dem großen Tonkünstler hatte. Aber rund 6.150 Wagner-Aufführungen in 309 Inszenierungen auf unzähligen Bühnen sowie  Schallplattenproduktionen, Rundfunkaufnahmen und sogar ein Spielfilm („Der Fliegende Holländer“, DEFA 1964) sprechen eine andere Sprache. Zwischen 1945 und 1990 wurde Wagner sogar mehr aufgeführt als heute. Und das hat beileibe nicht nur mit dem größeren Zeitraum zu tun im Vergleich zur Wende bis jetzt...

Über die Wagner-Rezeption in der sowjetischen Besatzungszone und dann in der DDR liegt nun ein Buch vor, das der Theaterkenner Werner P. Seiferth, von 1958 bis 1998 auch als Sänger, Regisseur und Intendant tätig, verfasste und kürzlich in der Musikalienhandlung Oelsner vorstellte. Ihm einführend und ergänzend zur Seite stehend: Musikwissenschaftler und Wagner-Forscher Prof. Werner Wolf. Der Zulauf war enorm. Kein Wunder, denn mit  „Richard Wagner in der DDR – Versuch einer Bilanz“ hat Seiferth ein Thema angepackt, das mit Vorurteilen aufräumt und mit Detailfülle aufwartet. Trotzdem bleibt aus der Sicht des Autors noch genug Stoff. „Je mehr ich in die Thematik eindrang, umso mehr Material kam zustande und ich musste feststellen, dass ich vieles an Einzelheiten nicht wusste“, gestand Werner P. Seiferth.

Am Ende aber steht die Erkenntnis, dass vieles möglich war in der DDR in Sachen Wagner. Weil die Bühnen es einfach so wollten und die Regierung es den Regisseuren bzw. Intendanten überließ, den gebürtigen Leipziger in den Spielplan zu bringen. Aber mitunter kurios hören sich Begründungen schon an, die die SED-Oberen vorbrachten, die, wenn sie Wagner schon nicht ehrten dann doch zumindest duldeten. Weil da immer das Vorurteil vom dumpfen Germanentum und übersteigerten nationalen Geist mitschwang. Aber so hat zum Beispiel der Tristan-Stoff  seine Ursprünge in der Artussage, was für Wagners Offenheit gegenüber anderen Kulturen spricht. „Also konnte man Wagner mit dieser Art Freibrief auf die Bühne bringen“, berichtete Werner P. Seifert nicht ohne Ironie. Die Hoch-Zeit der Wagner-Aufführungen sei in den 1950er Jahren und zu Beginn der 1960er Jahre gewesen, so Seiferth. Eine gewisse Schlüsselstellung nahmen die „Meistersinger“ ein – aus gerechnet jenes Werk, dass sich Hitler stets vor den Reichsparteitagen in Nürnberg vorspielen ließ. „Aber wer weiß denn schon, dass Hitler Lehárs Lustige Witwe weitaus mehr gesehen hat als die Meistersinger?“, wirft Seiferth ein, um ein weiteres Klischee aus dem Weg zu räumen. Die Meistersinger wurden u.a. aufgeführt anlässlich der Wiedereröffnung der Deutschen Staatsoper Berlin 1955 und zur Eröffnung des Leipziger Opernhauses 1960 (damit hatten sich die Ausrichter gegen SED-Statthalter Paul Fröhlich durchgesetzt). Dessen Direktor war zu jener Zeit der unvergessene Joachim Herz. Der gebürtige Dresdner wurde so etwas wie ein Gütesiegel und als er 1976 in Leipzig den „Ring des Nibelungen“ abschloss, hatte er auch international Maßstäbe gesetzt. Auch lag der „Nebenbuhler“ Bayreuth nicht allzu weit und man konnte durchaus von einem innerdeutschen Wagner-Wettbewerb sprechen.  Seiferth: „Bei uns kreierte Joachim Herz in seinen Inszenierungen einen völlig neuen Stil, so brachte er zum Beispiel den komödiantischen Wagner zum Vorschein.“

So detailreich, wie Werner P. Seiferth über seine Ergebnisse berichtet – in diesem Rahmen nur ansatzweise möglich – so unerschöpflich ist auch die Spurensuche gewesen, die ihn seit 1996, also mit dem Ende seiner Intendanz am Metropol-Theater Berlin, zu diesem Buch führte. Ein Vorteil bei der Wagner-Forschung: „Fast jedes Musiktheater hatte ein Wagner-Archiv mit Partituren, Programmen, Rezensionen usw.“, erklärt Seiferth. „Dafür hatte der Meister schon zu seinen Lebzeiten gesorgt – er verstand sich gut zu vermarkten. Auch darin setzte er Maßstäbe.“  Allerdings gab es für Seiferth auch Rückschläge, weil z.B. so mancher Verantwortliche glaubte, sich seiner Vergangenheit entledigen zu können wie ein altes Hemd. So geschehen 1989 am Theater Zeitz, als dessen letzter Direktor das Theaterarchiv einfach vernichten ließ. Mühsam musste Seiferth die Wagner-Rezeption in dieser Region schließlich über die alten Bezirkszeitungen rekonstruieren.

Seiferths Publikation ist Band 4 der Leipziger Beiträge zur Wagner-Forschung und wird vom Richard-Wagner-Verband Leipzig e. V. herausgegeben. Schon jetzt ist es ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu 2013 – wenn Richard Wagners 200. Geburtstag begangen wird.