Dessau – Bayreuth des Nordens

Endlich war es wieder soweit! Nach der Sommerpause fand kürzlich die Auftaktveranstaltung der Vortragsreihe unseres Verbandes mit dem langjährigen Dramaturgen für Konzert- und Musiktheater am Anhaltischen Theater Dessau, Herrn Ronald Müller, statt, der über die Dessauer Wagner-Tradition von den 1850er Jahren bis zur Gegenwart sprach.

Der Wagner-Kenner weiß, dass Richard dreimal in Dessau war: 1829, 1835 und 1872, diesmal in Begleitung Cosimas. Vielleicht auch, dass dort bereits 1857 der „Tannhäuser“ aufgeführt wurde. „Lohengrin“ sollte folgen. Vielleicht weiß er aber nicht, dass dies an den Honorarforderungen Wagners scheiterte und erst 10 Jahre später möglich wurde. Schneller ging es mit den „Meistersingern“, die nach 96 (!) Proben 1869 im Herzoglichen Hoftheater, als dritter Bühne überhaupt, aufgeführt wurden. Der Herzog unterstützte die 1. Bayreuther Festspiele, indem er 13 Musiker der Dessauer Hofkapelle und „herzogliche Maschinenpauken“ nach Bayreuth schickten und mit seinen Söhnen die Festspiele besuchte. Als Cosima 1894 Humperdincks „Hänsel und Gretel“ in Dessau inszenierte, bescheinigte sie, dass in Dessau „nächst Bayreuth die Wagnerschen Werke am vollendetsten und getreusten im Sinne ihres Schöpfers dargestellt werden.“

1900/01 standen zehn Wagner-Opern auf dem Programm. Durch das Wirken von E. Thiele und A. Klughardt war Dessau zum „Bayreuth des Nordens“ geworden, was durch H. Knappertsbusch oder H. Seydelmann gefestigt wurde. Siegfried Wagner dirigierte eigene und Vaters Werke.

Im April 1944 war „Lohengrin“ die letzte Vorstellung, bevor das Theater bei späteren Angriffen zerstört wurde.

Nach Krieg und Wiederaufbau knüpfte besonders W. Bodenstein an die Wagner-Tradition an, indem er u.a. die Richard-Wagner-Festwochen (1953-1960) ins Leben rief, die gesamtdeutsche Bedeutung erlangten. 1956 standen wieder zehn Wagner-Opern auf dem Spielplan, die stark vom Neubayreuther Stil inspiriert waren und den Ruf „Bayreuth des Norden“ wieder herstellten. Nach dem Ausscheiden Bodensteins nach 19 Jahren bröckelte die Wagner-Tradition. In 20 Jahren gab es nur fünf Neuproduktionen. Erst nach 1990 erfolgte die Rückbesinnung.

Der „Ring“ verdient besondere Erwähnung: 1891/92 vom Publikum begeistert aufgenommen, folgten 1893 zwei weitere Zyklen, die in den folgenden Spielzeiten wiederholt wurden. Der Plan, einen Zyklus ab 1938 in Szene zu setzen, wurde nur zum Teil ausgeführt, die Götterdämmerung fand woanders statt.

Premieren gab es 1953/54 und 1958. 1963 wurde der „Ring“ zum letzten Mal komplett gespielt. 1985 wurde lediglich „Rheingold“ inszeniert. Erst 2012 kam ein neuer „Ring“, vom Ende her erschlossen: mit der „Götterdämmerung“ begann der sog. Bauhaus-Ring, der 2014 komplett auf der Bühne stand und überregionale Aufmerksamkeit erlangte.

So spannt sich im „Bayreuth des Nordens“ ein Bogen von 1857 bis heute, was der Referent eindrucksvoll darstellen konnte. kh