Ex Oriente Lux

Immer interessanter werden für unsere Mitglieder die Reisen in mittel- , ost- und südosteuropäische Städte, wo es viel zu endecken und interessante Erfahrungen zu machen gibt.
In Polen hatten wir schon große Erlebnisse in Breslau und Stettin aber auch Brünn, Budapest und Sofia überzeugten. Königsberg (Kaliningrad), Riga und Minsk hatten ebenfalls viel zu bieten. Im März 2018 führte eine Reise 49 Verbandsmitglieder nach Posen im ehemaligen Westpreußen. Dabei beeindruckte erneut der sorgsame Umgang mit dem überkommenen Erbe deutscher Architektur und Geschichte. Hier wird europäisches Denken sichtbar. Den Kontrast bot der deutsche Regisseur der Inszenierung am Opernhaus. Dazu folgender Bericht:

Mit dem Richard-Wagner-Verband
nach Posen und Gnesen

Ein Sachse stand an der Wiege Polens. Kaiser Otto III. begründete im Jahre 1000 mit dem „Akt von Gnesen“ das erste polnische Erzbistum und erhob Boleslaw Chrobry zum ersten polnischen König im „heil‘gen röm‘schen Reich“. Im Gnesener Dom mit den Reliquien des Heiligen Adalbert konnte unsere Reisegruppe, vom polnischen Reiseführer sachkundig informiert, tief in die deutsch-polnische Vergangenheit eintauchen.

War Gnesen Krönungsort der ältesten polnischen Könige, so wurde der Posener Dom zu deren Grablege. Eine Stadtführung brachte uns zur Dominsel, zum nach 1945 prächtig wieder aufgebauten Alten Markt mit dem bedeutenden Renaissance-Rathaus und zu weiteren Sehenswürdigkeiten. Das Residenzschloss von Kaiser Wilhelm II., 1905-1910 als Teil des „Kaiserforums“ zusammen mit dem Opernhaus entstanden, verweist hingegen in seiner baulichen Verstümmelung nach mehrfachen politischen Umbrüchen auf all die Konflikte, die das deutsch-polnische Verhältnis bis heute belasten.

So gab es in Polen bisher auch noch keine Aufführung der „Meistersinger von Nürnberg“; die Posener Premiere am 4. März 2018 – der Anlass für unsere dreitägige Reise – war die erste überhaupt. Geschuldet ist die 100jährige Verbannung gerade dieser Oper wohl besonders dem Umstand, dass Hitler sowohl Nürnberg als auch die „Meistersinger“ für seine Reichsparteitage vereinnahmte. Dies ist bis heute für viele halbwissend und kurzschlüssig Urteilende maßgeblicher als das Werk selbst.

Vermutlich auch für den deutschen Regisseur Michael Sturm und seinen Bühnen- und Kostüm-Designer Matthias Engelmann. Statt das Werk unverstellt für sich selbst sprechen zu lassen, eliminierten die beiden jeglichen Bezug zu Nürnberg und beschädigten die Oper damit schwer. Die Handlung wurde weder räumlich noch zeitlich verortet. Der daraus folgende Realitätsverlust wurde gesteigert durch rätselhafte Masken, Kostüme und Requisiten (z. B. einen blutigen Männerkopf als Davids Schemel); Tänzer beteiligten sich als Eros, Pan, Adam, Eva oder auch Wagnerkarikatur am Geschehen. Irritierende Aktionen lenkten vom Wesentlichen ab und entwerteten häufig die Aussage der Musik (besonders schmerzlich beim Vorspiel zum 3. Aufzug, als Sachs mit dem Nachtwächter Schach spielte). War damit bereits vieles getan, um die Oper zu verfremden, so verkehrte Michael Sturm am Ende Wagners Botschaft sogar brutal in ihr Gegenteil, indem er nach Sachs‘ missverstandener Ansprache das nun doch „deutsche“ Volk im Gleichschritt aufmarschieren ließ – wie auf einem Reichsparteitag.

Glücklicherweise war die Hauptrolle des Hans Sachs mit Frank von Hove hervorragend besetzt. Bjørn Waag (Beckmesser), Monika Mych-Nowicka (Eva) und mit Abstrichen Christian Voigt (Walther) konnten ebenfalls überzeugen. Alle übrigen Rollen wurden mehr oder weniger gut ausgeführt. Chor und Orchester waren ausgezeichnet vorbereitet. Der israelische Dirigent Gabriel Chmura übertrug seine Begeisterung auf das Publikum.

Eine wirkliche Erstaufführung der „Meistersinger von Nürnberg“ steht für Polen allerdings noch aus.

Zurück