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„Nahaufnahme“ – Wagner kammermusikalisch
Die Alte Nikolaischule erwies sich während der Wagner-Festwoche 2026 als idealer Ort für ein Konzert, das sich bewusst gegen jede monumentale Wagner-Erwartung stellte. Am einzigen authentischen Wagner-Ort Leipzigs wurde der Komponist nicht als titanischer Klangarchitekt gefeiert, sondern als Schöpfer überraschender Intimität. Unter dem Titel „Nahaufnahme“ widmete sich der von Hagen Kunze moderierte Abend am 23. Mai 2026 der kammermusikalischen Seite Wagners als faszinierendes Spiel mit Perspektivwechseln.
Besonders eindrucksvoll zeigte sich dies im ersten Teil mit Musik aus „Tannhäuser“. Die „Abendstern“-Arie erklang gleich mehrfach: zunächst in Franz Liszts virtuoser Klavierfassung, gespielt von Rolf-Dieter Arens, später als intime Version für Klaviertrio mit Andreas Hartmann (Violine) und Susanne Raßbach (Cello). Tatsächlich trat in dieser Bearbeitung schnell etwas Gesprächshaftes hervor: Linien und harmonische Spannungen wurden hörbar, die sonst verborgen bleiben.
Im zweiten Teil rückte „Tristan und Isolde“ in den Mittelpunkt. Bereits „Prelude und Liebestod“ in Coen Schenks Bearbeitung für Streichquartett (Andreas Hartmann, Orin Laursen, Ionel Ungureanu und Susanne Raßbach) machte hörbar, wie modern diese Musik bis heute wirkt. Besonders klug war die dramaturgische Idee, zentrale Stücke mehrfach erklingen zu lassen. Der „Liebestod“ erschien in drei Fassungen: als Streichquartett, für Violine und Klavier und schließlich in seiner vokalen Gestalt mit Sopran und Klavier – gesungen von Iphigenie Worbes, begleitet von Sofia Semenina. Dieselbe Musik zeigte sich dabei immer wieder in anderem Licht, wie eine Skulptur unter wechselnder Beleuchtung. Gerade dadurch wurde erfahrbar, wie wandlungsfähig und zugleich unverwechselbar Wagners Tonsprache ist.
So entwickelte der Abend eine bemerkenswerte Nähe zum Publikum. Die große Oper wurde zur Kammermusik, der monumentale Wagner plötzlich lyrisch, empfindsam und fragil. Gerade darin lag die Stärke dieses Konzerts: zu zeigen, dass große Musik ihre Identität nicht verliert, wenn sich ihre äußere Gestalt verändert.
Hagen Kunze
Fotografien: Michael Ranft














