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Richard Wagners russischer Feldzug
Der Wagner-Spezialist Prof. Dr. Eckart Kröplin stellt zur Leipziger Buchmesse am 20. März 2026 Wagner-Freunden sein Buch „Richard Wagner und Russland“ vor, das bereits im Vorjahr erschienen ist. Das Thema stößt auf so großes Interesse, dass der kleine Vortragsraum in der Wagner-Nietzsche-Villa unserer liebenswürdigen Gastgeber Ines und Ralf Giesecke schnell überfüllt ist.
Das 368 Seiten umfassende bebilderte Werk beginnt mit dem Geburtsjahr Wagners 1813, oder sollte man besser sagen mit dem Ende der Völkerschlacht, und reicht bis in die Jetztzeit. Und weil Wagner eben ein Komponist von Weltruf ist, wird man in Russland an Wagner auch in Zukunft nicht vorbeikommen. Damit ist bereits gesagt, dass sich der Autor nicht nur die Jahre 1836/39 und 1863 vorgenommen hat, in denen Wagner aufwändige Reisen nach Russland unternahm, sondern ihn in die jeweils politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse stellt. Tiefschürfend recherchiert und dabei spannend lesbar, mit zeitgenössischen Originaltexten belegt, führt Kröplin die Leserschaft durch jedes Hoch und Tief der Wagner-Rezeption in Russland.
Nur wenige Aspekte können hier angesprochen werden, z. B. seine erste beschwerliche Reise nach „Preuß:Sibirien“ 1836. Er fühlte sich wie in selbstgewählter Verbannung. Viel lieber wäre er in das Kulturzentrum Europas, nach Paris gereist, aber dort erwartete ihn keiner. So folgte der erfolgsarme Wagner seiner Minna nach Riga und Königsberg. Gemeinsame glückliche Zeiten erleben beide trotz Eheschließung kaum. Geldnot und Schulden zwingen das Ehepaar 1839 zur abenteuerlichen Flucht. Kröplin hebt die musikalischen Arbeiten Wagners in dieser Zeit hervor: Er komponiert die „Nicolay-Hymne“ als Verbeugung vor dem Zaren, beschäftigt sich mit livländischer Volksmusik und beeindruckt als Dirigent Beethovenscher Sinfonien und eigener Kompositionen.
Zurück in Deutschland, wo er in Dresden eine Anstellung als Hofkapellmeister erhält und sich eigentlich nur seiner Kunst widmen könnte – er erlebt die triumphale Premiere des „Rienzi“, es entstehen “Der fliegende Holländer“, „Lohengrin“ und „Tannhäuser“ in dieser Zeit – beschäftigte er sich zunehmend mit sozialrevolutionärem Gedankengut. In diesem Zusammenhang lernte er den russischen Berufsrevoluzzer und Anarchisten Michail Bakunin kennen, dessen Credo „Lust an der Zerstörung um Neues aufbauen zu können“ von Wagner begeistert aufgenommen wird und ihn 1848/49 auf die Dresdner Barrikaden führt. Auch der revolutionäre Enthusiasmus endet mit einer Flucht. Bakunin blieb Revolutionär, Wagner theoretisierte über politisch-soziale Themen und setzte sie in seinen Werken um.
Die Zeiten blieben für den produktiven Wagner turbulent. Doch 1863 ist für ihn zweifellos ein Glücksjahr. Sein „russischer Feldzug“ folgt einer Einladung nach Petersburg und Moskau. Er dirigiert Beethoven und eigene Werke. Das russische Publikum ist begeistert, schenkt ihm die ersehnte Zuneigung, die ihm zu Hause versagt blieb. Seine Musik inspiriert auch russische Komponisten wie Borodin, Mussorgski, Rimski-Korsakow, Tschaikowski, Schostakowitsch. Richard Wagner blieb einer der meistgespielten Komponisten in Russland bzw. der Sowjetunion bis zum 22. Juni 1941. Kröplin macht hier nicht Schluss, er schildert die politische Vereinnahmung Wagners und seiner Opern, allen voran der des „Rings“ in Russland bis zum heutigen Tag. Er geht auch auf den international gefragten russischen Dirigenten und Intendanten Gergijew ein, der Wagner nach 2013 wieder in die russischen Konzertsäle holte, jedoch seine Position als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker verlor, weil er sich als bekennender Putinfreund nicht gegen den Überfall auf die Ukraine aussprach – auch das ist eine kulturpolitische Entscheidung.
Den passenden Rahmen für diese Lesung, die eigentlich keine Lesung, sondern eine kurzweilige Kommentierung von Fakten, ein Dialog des Autors mit der kenntnisreichen Moderatorin Ursula Oehme war, lieferte der russische Student an der Musikhochschule Leipzig Valerii Popov, der für seine Darbietungen aus „Lohengrin“ und „Parsifal“ am Flügel viel Beifall erhielt.
Frigga Dickwach
Fotografien: Michael Ranft


















