Wagner im Varieté

Am 25. März 2026 hielt Hendrik Reichardt, Mitglied im Richard-Wagner-Verband Leipzig und Vorstandsmitglied der Freunde und Förderer der Musikalischen Komödie Leipzig, den hochspannenden, fakten- und bildreichen Vortrag „Wagner im Varieté – die Zeit der ,Dreilindenoper‘“ in der Richard-Wagner-Aula der Alten Nikolaischule. Den Nachmittag leitete ein Querflöten-Trio aus den Schülerinnen Julika Rammler, Letizia Schickel und Anna Schallenberg der Musikschule Leipzig mit Kompositionen von François Devienne und Marc Berthomieu so professionell ein, dass sie mit lebhaftem Beifall belohnt wurden.

Die zahlreich erschienenen Mitglieder beider Vereine verfolgten den Vortrag engagiert. Denn das mit vielen persönlichen Emotionen besetzte Thema – der verheerende Luftangriff auf Leipzig vom 4. Dezember 1943 – dem neben anderen bedeutenden Kultureinrichtungen wie dem prächtigen Neuen Theater am Augustusplatz auch alle anderen Theater bis auf das im Westen gelegene Varieté Drei Linden zum Opfer fielen, ist im Gedächtnis der Stadtgesellschaft fest verankert.

Hendrik Reichardt, Solobassposaunist im Orchester der im Volksmund liebevoll MuKo genannten, überaus beliebten Spielstätte, ist auch Theaterhistoriker, der sich die Erforschung des Leipziger Operettentheaters zur Aufgabe gemacht hat, dem er bereits eine Ausstellung widmete. So konnte er überzeugend die Zeit von 1944 bis 1960 darstellen, in der in räumlicher, technischer und künstlerischer Hinsicht große Oper mit großen Namen auf einer kleinen Varietébühne gespielt wurde, der sogenannten Dreilindenoper. Die Freude über die Wiederaufnahme des Spielbetriebs am 27. Februar 1944 mit Webers „Freischütz“ währte nur kurz, denn bereits am 1. September erfolgte die Schließung aller Theater wegen des „totalen Kriegs“. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde unter der Sowjetischen Militäradministration ab dem 2. Juli 1945 die sofortige Wiedereröffnung der Theater verfügt, die erste Vorstellung war nicht von ungefähr Beethovens „Fidelio“. Bis der Nachfolgebau des Neuen Theaters, die Oper Leipzig, 1960 mit Richard Wagners „Meistersingern“ eröffnet werden konnte, gelangten in 16 Spielzeiten 122 Operninszenierungen, 26 Ballettabende, darunter 7 Uraufführungen, 8 deutsche bzw. DDR-Erstaufführungen und 9 Wagner-Produktionen unter schwierigsten Bedingungen auf die Behelfsbühne, eine unglaubliche Leistung. Heute unvorstellbar, wurde sogar täglich gespielt! Auch die profunden Kritiken unseres langjährigen Vorsitzenden Werner Wolf und Sigrid Kehls künstlerische Anfänge in der Dreilindenoper kamen zur Sprache. Mit ihrer zu Herzen gehenden Arie der Brünnhilde „Ewig war ich, ewig bin ich“ aus „Siegfried“ wurden die Besucher in den kühlen Frühlingsabend entlassen.

Ursula Oehme

Fotografien: Andreas H Birkigt