Geburtstagsfeier en miniature – Richard Wagners 207. im „Gambrinus“

Die Corona-Pandemie hatte das gesellschaftliche Leben auch in Leipzig fast vollständig zum Erliegen gebracht, und selbst die vorsichtige Öffnung ab Mitte Mai 2020 ließ keinen Zweifel daran, dass die stets gut besuchte öffentliche Geburtstagstafel für den großen Sohn der Stadt mit selbstgebackenem Kuchen der Mitglieder, Musik und guten Gesprächen auf dem Richard-Wagner-Platz wegen der Ansteckungsgefahr nicht würde stattfinden können. Verbandsmitglied Ursula Oehme ließ das keine Ruhe, und so wurde zur Wiedereröffnung der Leipziger Gaststätten gemeinsam mit Kulturmanager Lutz Hesse von der Moritzbastei und Monika Stoye, Chefin des Leipziger Fontane-Kreises, die Idee geboren, die Geburtstagsfeier für Richard Wagner am 22. Mai 2020 kurzerhand in den Biergarten der Traditionsgaststätte „Gambrinus“ zu verlegen. Immerhin gilt der gegenüber der Eventlocation Westbad gelegene „Gambrinus“ in der Odermannstraße auch als Künstlerkneipe, seit dort Ensemblemitglieder und Gäste der in der Sanierung befindlichen Musikalischen Komödie ein- und ausgehen und sich von der liebenswürdigen Wirtin Ariane und ihrem Team verwöhnen lassen.

Unter dem bewährten Motto „Happy Birthday, Richard“ erlebten 20 geladene Gäste, mittendrin der neue Verbandsvorsitzende Prof. Dr. Helmut Loos, mit Sicherheitsabstand und Hygienekonzept ein anspruchsvolles heiter-besinnliches Festprogramm, das nach der langen Kulturabstinenz begeistert aufgenommen wurde. Nachdem Lutz Hesse die Initiative von Richard-Wagner-Verband und Theodor Fontane Gesellschaft beim Zustandekommen der Geburtstagsfeier gewürdigt und die Mitwirkenden vorgestellt hatte, dürfte Carolin Masur so manchen Geburtstagsgast mit ihrer Lesung aus dem „Rheingold“ verblüfft haben, der von der beliebten Opernsängerin eine musikalische Darbietung erwartete. Ihre Wahl war nicht von ungefähr auf die Szene zwischen Alberich und den Rheintöchern gefallen, die ihr als Kabinettstück gelang und regelrechte Lachsalven hervorrief, wobei das von Richard Wagner fast überstrapazierte „wagalaweia, wallala weiala weia, heiala weia“ mal verführerisch gehaucht, mal mit Nachdruck intoniert oder drohend hervorgestoßen, seine Wirkung nicht verfehlte, ein Effekt, der auf der Opernbühne unmöglich zu erzielen ist.

Dann trat Opernsänger Michael Raschle auf, Ensemblemitglied der Musikalischen Komödie seit der Spielzeit 2013/14, der zwei Texte und – sein Grammophon mit der Schellackplatte „Wagneria“ – mitgebracht hatte. „Temperament oder Wahnsinn“ von Bernhard Neuhoff resümierte die ersten Bayreuther Festspiele 1876, und der Künstler imitierte zur Freude der Anwesenden Richard Wagners breites Sächsisch während der Proben, das viele Zeitgenossen zur Verzweiflung gebracht haben soll. Vom in London gefertigten Drachen, dessen Hals versehentlich nach Beirut statt nach Bayreuth verschifft wurde, war da die Rede, von dem Schwimmgestell, mit dem die Rheintöchter haderten, Wagners Zahngeschwür zur Unzeit und seiner vermeintlichen Geisteskrankheit, die der Komponist selbstbewusst zum normalen Wahnsinn der Kreativität ummünzte. Highlight des Abends und von Raschles zweiter Darbietung war zweifellos der verjazzte „Abendstern“ aus „Tannhäuser“ vom Grammophon, der das Publikum jubeln ließ. Dazu der köstliche Text „O my sweet evening star“ von Peter Panter alias Kurt Tucholsky aus der „Weltbühne“ vom 28. August 1928, der konstatierte, dies sei die einzig mögliche Weise, das schöne Lied zu spielen, ohne Eierkuchensentimentalität und butterweiche Rührsamkeit, mit der dieses Gedudel von Wagner angemacht sei.

Monika Stoye las vom einmaligen, unvollendeten und nie wiederholten Besuch der Bayreuther Festspiele durch Theodor Fontane, genauer gesagt des „Parsifal“, den der Dichter in einem Brief an Karl Zöllner vom 28. August 1928 bildgewaltig und genüsslich-sarkastisch ob der erlittenen Unbill schilderte. Natürlich Wolkenbruch, mit aufgekrempelten Hosen ins Festspielhaus, alles nass, klamm, kalt, Geruch von aufgehängter Wäsche. Nur ein Lichtschimmer fiel durch die geschlossenen Türen, wie in „Macbeth“, wenn König Duncan ermordet wird. Und dann ging ein Tubablasen los, wie die Posaunen des Jüngsten Gerichts. Eine Ohnmacht fürchtend, wand sich Fontane nach der Ouvertüre, nachdem er sich bereits als Letzter an 40 Personen zu seinem Platz durchgedrängt hatte, nach kaum zehn Minuten halb ohnmächtig wieder ebenso zurück, sich ganz ohnmächtig stellend, weil er sich genierte. Kaum vorstellbar, dass ihn die trotz zurückgegebener Karten ausgegebenen 100 Mark nicht reuten und ihm der Wagnerkultus in der Wagnersaison so viel wert erschien.

Ursula Oehme schließlich widmete sich dem Kapitel „Bayreuth 1876“ aus Angelo Neumanns „Erinnerungen an Richard Wagner“. Ihr war es wichtig, nicht die bravouröse erste „Ring“-Gesamtaufführung 1878 in Leipzig durch Theaterdirektor Neumann, die Wagner mit seiner Vaterstadt versöhnte, sondern die Vorgeschichte ins Gedächtnis zu rufen. Und so konnten die Geburtstagsgäste mit Angelo Neumann zum Bayerischen Bahnhof eilen, den letzten Zug nach Bayreuth erreichen und mit ihm ab dem nächsten Tag die Tetralogie mit wachsender Anteilnahme genießen, von der ihm als unaufführbar abgeraten worden war. Das von Franz Liszt vermittelte Zusammentreffen in Wahnfried kam allerdings nicht zustande, weil Wagner noch im Hemd war. Ein langer beschwerlicher Weg sollte Neumann und seinem Kompagnon August Förster noch bevorstehen, bis sie das Musikgenie von ihren Plänen überzeugen konnten, die bekanntlich aufgingen. Schöner Schlusspunkt eines spannenden Abends, der mit reichem Beifall endete und auf vielfachen Wunsch bald wiederholt werden soll, wozu auch der gemütliche Biergarten, die gute Küche und die nette Bedienung beitrugen.

Ursula Oehme

Fotos: Petra Hesse, Konstanze Neumann-Gast, Doris Mundus